Allerneues von Doc Engel -Viertes Quartal

1
Da sitz ich wieder im Empfangszimmer von Dr. Engel. Neues Quartal.

Vor mir kochen die Fische auf dem Kachelofen. Einer von den beiden Weißgoldfischen ist überdimensional angewachsen. Ich hab den Eindruck er hält absichtlich die Luft an, um seinem Leben ein Ende zu bereiten. Falls es eine allmächtige Allmacht gibt, bitte, lass mich Agnostiker in meinem nächsten Leben kein Fisch in einem Neuköllner Aquarium werden.

Neuerdings hängt gegenüber von der Stuhlreihe ein überdimensional großer Spiegel, direkt neben dem Ofen.
Darin kann sich jeder betrachten, wie krank er denn aussieht. Ich seh das, was ich nachher von Dr. Engel zu hören bekomme: "Sie sehen aber blass aus!?"
Ich fühl mich noch schlechter, jetzt da ich mich sehe und mir nicht entkommen kann. Die Haare liegen heute auch Scheiße -falls man überhaupt vom liegen reden kann. Sie strotzen, gehalten vom hohen Fettanteil, wild in jede sich bietende Richtung.

"Deine Karte und ein' Zehner, sonz kannze wieder gehen!" sagt Moni grinsend. "Und sonz? Geht's Dir gut!"
"Klar, darum bin ich hier, Moni!" lach ich gequält. Die Moni, ey, die hat Humor.

Ich nehm mir vor, Frau Dr. Engel zu fragen, warum der Spiegel dort hängt, vergesse es aber auf dem Weg in Sprechzimmer.

2
Engel ist noch nebenan.

Man entdeckt immer wieder etwas Neues. Letzte Mal war's der Fit-for-Fun-Kalender mit den durchtrainierten, halbnackten Männern links neben dem Schreibtisch. Diesmal seh ich an der Sprechzimmerwand gegenüber hängt in einem kleinem Holzrahmen ein Gedicht mit einer Zeichnung eines kleinen Hundes:

"Daß mein Hund mir lieber ist,
sagst du, o' Mensch, sei Sünde.
Doch mein Hund ist mir im Sturme treu,
der Mensch nicht mal im Winde."


Ich werde augenblicklich melancholisch und denke an meinen toten Wellensittich, der meine Pubertät nicht überlebt hat. Er starb summa sumarum an Vereinsamung. Aber das Schicksal teilten wir, ich war ja ebenfalls einsam, denn die Mädchen, denen ich nachlief, waren allesamt schneller. Da kommt auch schon Dr. Engel grußlos reingeschlurft. Sehr motiviert scheint sie nicht.
Sie wühlt seufzend im Medikamentenschrank. Das scheint einen meditativen, wenn auch nicht medikativen Effekt zu haben. Mit leeren Händen dreht sie sich Freude strahlend um und treichelt den Hund.
"Na, was haben wir denn?" fragt sie rhetorisch und schlägt meine Krankenakte auf.
"Sie sehen aber blass aus! Haben Sie Blutarmut?"
"Ich?", frag ich erstaunt. So blass komm ich mir aber nicht vor, wie Sie das betonen, Doc!"
"Nein, Engel!", sagt Monika, die noch an der Verbindungstür steht, "daß ist die falsche Akte, die ist noch vom letzten Patienten!"
"Kam mir auch komisch vor, zwei so blasse Jungs hintereinander...Aber blass ist er trotzdem!". Sie stirrt mich prüfend an.

Ein kläglicher Versuch eines Protestes gegen diese Herabwürdigung meines fortschreitenden Alters erstickt sie im Keime.
"Das' aber kein Grund, nicht trotzdem eine Portion abzuzapfen!"
"Ja, sicher, auf daß ich noch bleicher werde, oder was?"

"Mein Lieber..", sagt sie über ihren Brillenrand auf díe Akte schielend in den leeren Raum hinein, "sie leiden unter einem akuten Mangel roter Blutkörperchen. Das überprüf ich jetzt nochmal."
"Wie denn"?
"Na, noch mal Blut abza...!"
"Wir ham doch erst letzten Freitag Blut abgezapft... Ich denk sie ham ein großes Blutbild gemacht?"
"Ihre Eisenwerte sind am oberen Anschlag...Konnt ich ja nicht wissen."
"Was heißt das?"
"Keine Ahnung!"
Das wieder ne Antwort, die man als Patient gerne hört: ein ehrlicher Arzt (respektive: Arztin).
"Fang ich innerlich an zu rosten, oder was?"
"Das überprüfen wir, Arm her!" Sie lächelt gequält über meinen Versuch, Humor in den traurigen Neuköllner Medizineralltag zu bringen.
"Wo isse denn?"...Drei Braunülen saugen sich voll mit meinem Lebensaft, nachdem sie die eigentlich gut auffindbare Vene getroffen hat. Ich gucke bei sowas zu. Hatte ich noch nie ein Problem mit.
Mir kommen neben leichtem Taumel auch Zweifel. Zu welchem Arzt gehe ich denn, falls ich ernsthaft krank sein sollte?

Der Duke stößt die Tür auf und läuft hinaus in den Flur. An der Tür hat's geläutet, und da muss man mal nachsehen.
"Merkwürdig....", grübelt Engel.
"Was denn?", frag ich ernsthaft interessiert, und denk: Was kann merkwürdiger sein, als diese Frau?
"...dass die alle immer hintereinander kommen. Die kommen nie zur gleichen Zeit."
"Wer denn?"
Sie guckt mich wenig verständnisvoll an, als ob ich nicht alle beisammen hätte.
"Na, die Patienten. Die kommen immer nacheinander, als ob die sich absprechen."
"Sie können doch sowieso nicht mehrere auf einmal behandeln!"
Sie sinkt mit einem Seufzer in sich zusammen, legt den Kopf auf die gefalteten Hände auf den Schreibtisch. "Jach,...stimmt auch wieder. DER NÄCHSTE...!"

"Mittwoch. Da seh ich Sie wieder. Dann wollen wir mal sehen...!"
"Tschüß!", ruf ich.
"Jaja, jetzt geh'n Se mal..."

[to be coninued..]


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